Bernd Koberling

© Foto: Inge Zimmermann 2015

… ich war Maler geworden, um mich mit Hilfe der Malerei ausdrücken zu können, und nicht, um nur Malerei zu zelebrieren …

Überspannungen entstanden ab September ʼ65. Sie waren die Antwort auf die Fragestellungen des Frühjahrs. Sie entstanden zufällig. Zufälle dringen nur ins Bewußtsein, wenn eine Absicht ihre Entsprechung findet.
Im Atelier standen zu diesem Zeitpunkt die unterschiedlichsten Ergebnisse herum, stark zeichenhafte ebenso wie die zugemalten, mir zu sehr von der Malmaterie bestimmten Landschaften. Zufälligerweise lehnten – mit der Malseite zueinandergekehrt – bemalte Bilder gegen mit Nessel bespannte Rahmen, die noch nicht grundiert waren.
[…] Der erste Eindruck waren die nicht verdeckten Bilder mit ihren leuchtenden Farben, auch die geometrische Form des Keilrahmens war von dominierender Prägnanz, trotzdem wurde in den vier Feldern zwischen den Rahmenkreuzen etwas sehr Spannendes sichtbar. Durch die Nesselschicht drangen die Farben des dahinterstehenden Bildes.
Wäre mein Wunsch nach Erhöhung der atmosphärischen Wirkung der Bilder nicht vorhanden gewesen, hätte ich dieses Phänomen gar nicht wahrgenommen; wenn trotzdem, so wäre es mir eher als banal und fad erschienen. 

Da mir die Primamalerei in dieser Zeit keine Möglichkeit bot, mein Ziel zu erreichen, konnte ich mich der Wirkung dieser Erscheinungsform nicht entziehen. Lasuren konnte ich mit der selbstangerührten Farbe nur schwer anfertigen. […] Was sich auf dem Malgrund von hinten nach vorn projizierte, war meinen landschaftlichen Beobachtungen und Empfindungen näher als alle meine Malerei der letzten Zeit.
Die aggressive Spannung, überhaupt Landschaften zu malen, war mit der Sonderromantik-Ausstellung abgeklungen. Meine Motivation wurde immer klarer, meine Haltung mehr meditativ. Die letzten Reise, es war die fünfte nach Lappland, war die erste Reise, die ich mit vollem Bewusstsein als Landschaftsmaler erlebte. Unmittelbar der Natur gegenüber entstand eine produktive Wechselbeziehung von Landschaft und meinen schon gemalten Landschaftsinterpretationen. 
Ich ahnte bereits, dass sich ein wesentlicher Wandel in meiner Malerei abzeichnen würde. […]
Ich beschloß, einige der bemalten Bilder am nächsten Morgen mit Nessel zu bespannen, um den Eindruck dieses Zufalls – ohne Störung durch das Rahmenkreuz – besser beurteilen zu können. Die Ruhe und Weite des Bildes verstärkte sich. Eine naturhafte Farbigkeit entstand, und ich war überrascht, wie der Gegenstand, trotz starker Reduktion der Farbe und Zeichnung, noch erhalten blieb. […]
Mit den Bildern Horizont und Baumstumpf entstanden die ersten Überspannungen, deren Resultate meinen Vorstellungen zu entsprechen begannen.  […] Ich lernte Nuancen erkennen, die mir in diesem Maße vorher nicht beachtenswert erschienen. Die Tonmalerei, im Gegensatz zur Farbmalerei, hatte ich für mich immer abgelehnt. Die unbestimmbare und differenzierte Farbigkeit war eine Bereicherung meines Farbempfindens. Ich musste entdecken, dass ich auf eine ungewöhnliche Weise „lasierte“. So flächige Lasuren zu legen, wäre mir nicht in den Sinn gekommen – es hätte mir auch am nötigen Können gefehlt. Ist Stil nichts anderes als die Kombination von Absicht und Unvermögen? Die Erklärungen, wie etwas zustande kommt, sind häufig sehr einfach. Mit Hilfe der Technik des Überspannens hatte ich die Synthese von Atmosphäre und räumlicher Illusion erreicht, ohne illusionistisch malen zu müssen, den flächenhaften Charakter des Bildes gewahrt. 
[…]
Um den Nessel vor Staub und Beschädigungen zu schützen, suchte ich nach einem zusätzlichen Material – ähnlich einem Schlußfirniß. Ich fand eine Lichtfilterfolie und spannte sie über die beiden Nesselschichten. […]: [J]e dunkler und kräftiger die Farben des Malgrundes waren, um so stärker war die Eigenwirkung der Folie. […] Die Farbe nur durch das Bespannen mit der Folie zu manipulieren, wäre meinen ästhetischen Vorstellungen nicht gerecht geworden. […] So kam es dazu, dass ich nur Nessel benutzte, um den ursprünglichen Malprozeß zu vereinfachen und das Bild in ein einheitliches Licht zu tauchen. Ich malte, besser gesagt, machte (mir) Licht. 
Das Licht der Bilder steigerte ich, in dem ich auf der 2. Schicht nur noch mit Weiß und hellsten Gelbs, Rosas, Blaus oder Graus weitermalte. […] Was im Bild räumlich im Hintergrund erscheint, ist stets auf der 2. Schicht gemalt. Nur so gelang es mir, die Einheit der Gegensätze im Bild zu fassen. […] Auch auf der 1. Malschicht fanden Veränderungen statt.
[…]
Nun aber begann ich, Kontraste und Volumen der Farbmaterie zu verstärken. […]
Ich hatte Farbmaterie und Malduktus im bekannten Sinne unsichtbar gemacht, war aber meiner Sicht von Natur und Landschaft unmittelbar näher gekommen. 

Bernd Koberling in: Bernd Koberling. Malerei 1962–1977 (Ausst.-Kat. Haus am Waldsee, Berlin und Städtisches Museum Leverkusen, Schloß Morsbroich), Berlin 1978, S. 19–23.

 

In der Ausstellung:

Bernd Koberling
Kaitum-Kalix Water, 1969
Kunstharz auf zweifach gespanntem Nessel unter satiniertem Glas
170 x 130 cm
Galerie Friese, Berlin

 

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