Gregor Schneider

Gregor Schneider beschäftigt sich seit Mitte der 1980er-Jahre mit gebauten und dekonstruierten Räumen, Leerräumen und Fehlstellen. Im Zentrum seiner künstlerischen Arbeit steht das Haus ur, ein gewöhnliches Mietshaus in Mönchengladbach-Rheydt. Das Haus wird durch seinen jahrzehntelangen und kontinuierlichen Umbau in einen Ort mit atmosphärischer Dichte verwandelt: Fenster werden geschlossen und geöffnet, tote Türen eingebaut, Wände eingezogen, Blei und andere Materialien verbaut und Löcher in den Boden gestemmt (u r 14, Das letzte Loch, 1995). Als Gregor Schneider 2001 die meisten Räume des Haus ur zur Biennale nach Venedig in den deutschen Pavillon brachte, veröffentlichte der Künstler von heute auf morgen sein bisheriges Werk, das davor im Privaten stattgefunden hatte, und nur wenigen Personen in ausgewählten Räumen zuvor zugänglich war. Er transplantierte das Ensemble an einen anderen Ort und übergab es dem Publikum, das für einige Monate eigene Erfahrungen, Wahrnehmungen und Deutungen mitnehmen sollte. Nach der Gesamtpräsentation in Venedig gab es immer wieder parzelliert Einzelpräsentationen des Totes Haus ur (2001), Die Familie Schneider (2004), die neue Bezugspunkte erfahren haben. Das Unheimliche des Haus ur und die Rätselhaftikeit des Bewohners potenzieren sich in den vielen Räumen, die von ihm durchlebt und vom Publikum erlebt werden. Verborgenes und Voyeurismus sind hier untrennbar. Die Fotoserie von Gregor Schneider von weißen Räumen und weißen Wänden zeigt Arbeiten und Fehlstellen von 1985 bis 1996 und gewährt Einblicke in seine Nicht-Orte, die für Orientierungslosigkeit und Klaustrophobie stehen.

Im Kontrast zum Haus ur steht Gregors Schneider Projekt WEISSE FOLTER. In dem Videofilm zum Projekt bewegt sich die Kamera durch cleane Räume mit Wänden und Türen mit glatten Oberflächen, ohne Zeugnisse menschlichen Lebens, weder persönliche Objekte noch Alltagsgegenstände sind zu finden. Das Narrativ beschreibt die US-Gefängnissituation in Guantanamo Bay auf Kuba für vermeintliche Terroristen mit Bildern, die im Internet veröffentlich waren. Das Verborgene und Unheimliche wird hier in der Vorstellung all dessen wach, was in den Räumen mit den abwesenden Menschen passiert sein könnte: Schneider vereint hier sensuelle, visuelle und auditive Erlebbarkeit. Die brutale Sogwirkung seiner Arbeit entsteht durch das Unbekannte und Unheimliche, die eine Spannung erzeugen, der sich die Betrachtenden nicht mehr entziehen können. 

Anke Hervol

 

In der Ausstellung:

Gregor Schneider
Fotoserie von weißen Räumen und weißen Wänden, Arbeiten 1985–1996
Fotoserie auf Podest 
72 × 206 × 66,5 cm
Archiv Schneider, Rheydt

Gregor Schneider
Film zum Projekt WEISSE FOLTER
16:9, 19:49 min
Archiv Schneider, Rheydt

 

Weiterführende Informationen zum Künstler